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C1

Zwischen den Zeilen

A book club meeting turns into a deep discussion about literature, memory, and identity.

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Jeden zweiten Mittwoch trafen wir uns im Hinterzimmer der alten Buchhandlung am Savignyplatz. An diesem Abend ging es um einen Roman, der uns alle aufgewühlt hatte.

Das Buch handelte von einer Frau, die nach dem Tod ihrer Mutter deren Tagebücher entdeckte. Durch diese Aufzeichnungen wurde eine Familiengeschichte enthüllt, die alles infrage stellte.

"Je tiefer man gräbt, desto brüchiger wird die Wahrheit," eröffnete Sabine die Diskussion. Sie vertrat die Ansicht, dass Erinnerung immer eine Form der Selbsttäuschung sei.

Hendrik widersprach entschieden. Er argumentierte, dass gerade das subjektive Erinnern unsere Identität forme. Hätte die Protagonistin die Tagebücher nie gefunden, wäre ihre Erinnerung an die Mutter deshalb weniger wahr?

Mich beschäftigte vor allem die Frage, inwieweit wir ein Recht auf die Geheimnisse unserer Eltern haben. Sind deren Geschichten automatisch auch unsere?

Elena, die selbst aus einer Familie mit Migrationsgeschichte stammte, erzählte daraufhin etwas Persönliches. Auch in ihrer Familie gebe es verschwiegene Kapitel, über die niemand sprechen wolle.

Die Literatur, meinte sie, ermögliche es, über fremde Schicksale das Eigene zu verstehen. Im Grunde lese man immer auch sich selbst.

Sabine griff den Gedanken auf und fragte, ob Literatur demnach eine Art Spiegel sei. Hendrik entgegnete, sie sei eher ein Fenster, durch das man die Welt mit anderen Augen sehe.

Als wir die Buchhandlung verließen, war es bereits nach Mitternacht. Der Roman hatte etwas in uns allen bewegt, das über die Seiten hinausging.

Auf dem Nachhauseweg wurde mir bewusst, dass wir den ganzen Abend eigentlich über uns selbst gesprochen hatten. Genau das macht gute Literatur: Sie lässt uns zwischen den Zeilen das finden, was wir in uns selbst suchen.