Die Vernissage
At an art gallery opening, a thought-provoking conversation about modern art challenges your perspectives.
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Die Galerie in der Auguststraße war an diesem Donnerstagabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Überall standen Grüppchen elegant gekleideter Menschen, die mit gedämpfter Stimme über die ausgestellten Werke sprachen.
Ich blieb vor einem großformatigen abstrakten Gemälde stehen, das mich zugleich faszinierte und irritierte. Die Leinwand war in düsteren Rottönen gehalten, durchzogen von feinen schwarzen Linien, die an Risse erinnerten.
"Das ist halt typisch für Brenner," sagte eine Stimme neben mir. Eine Frau mit markanter Brille stellte sich als Kuratorin vor. "Er arbeitet ja bewusst mit dem Unbehagen des Betrachters."
Ich fragte sie, ob Kunst denn unbedingt verstören müsse, um als bedeutsam zu gelten. Sie lächelte nachdenklich und meinte, gerade darin liege doch die Stärke der zeitgenössischen Kunst.
In diesem Moment gesellte sich der Künstler selbst zu uns. Brenner war ein unscheinbarer Mann mittleren Alters, dessen ruhige Ausstrahlung im Widerspruch zu seinen aufwühlenden Bildern stand.
Er erklärte, seine Kunst solle keine Antworten liefern, sondern Fragen aufwerfen. "Wenn ein Bild Sie nicht berührt," sagte er, "dann habe ich versagt."
Die Kuratorin warf die Frage auf, ob Kunst politisch sein müsse. Brenner schüttelte den Kopf. "Kunst ist immer politisch, auch wenn sie vorgibt, es nicht zu sein."
Ich wandte ein, dass manche Werke doch einfach der ästhetischen Erfahrung dienten. Brenner erwiderte gelassen, dass selbst die Entscheidung, unpolitisch zu sein, eine politische Aussage darstelle.
Auf dem Heimweg dachte ich lange über das Gespräch nach. Vielleicht lag die wahre Kraft der Kunst nicht im Werk selbst, sondern in den Gesprächen, die es auslöste.
Die Vernissage hatte mir gezeigt, dass Kunst erst dann lebendig wird, wenn sie zum Dialog einlädt. Und dass es in Ordnung ist, eine Galerie mit mehr Fragen zu verlassen, als man beim Eintreten hatte.